Galaxy Watch im Test: Gear S4 unter falscher Flagge

Aus Gear S4 wird Galaxy Watch! Samsung hat sich beim Nachfolger der Gear S3 beziehungsweise Gear Sport für eine Namensänderung entschieden. Diese suggeriert radikale Änderungen. Im Test zeigt sich dagegen: Die Galaxy Watch ist mehr eine behutsame Weiterentwicklung der Gear S3 als ein radikaler Neuanfang. Samsung baut die Stärken, die den Vorgänger zu einer echten Apple Watch-Alternative gemacht haben, konsequent aus. Es bleiben aber weiterhin ein paar Schwächen.

Mit der Galaxy Watch kündigte Samsung im August 2018 im Windschatten des Note 9 eine neue Smartwatch an. Der Name schwirrte bereits im Vorfeld durchs Netz und sorgte für Verwirrung. Bislang hießen Samsungs Uhren "Gear" und liefen mit dem hauseigenen Betriebssystem Tizen. Unter dem Label "Galaxy" vermarktet der südkoreanische Hersteller dagegen traditionell Android-Geräte.

Daher kam das Gerücht auf, dass Samsung Tizen in Rente schickt und künftig bei Wearables auf das von Google entwickelte und auf Android basierende WearOS setzt. Doch das war ein Trugschluss. Die neue Samsung-Uhr läuft weiterhin mit Tizen, genauer gesagt mit Tizen 4.0. Sie ist also als legitimer Nachfolger der Gear S3 oder der im vergangenen Jahr enthüllten Gear Sport anzusehen. Die Galaxy Watch ist also quasi eine Gear S4 unter falscher Flagge. Kompatibel ist sie aber mit allen Android-Geräten, die mit Android 5 oder höher laufen, sowie iOS-Geräten mit Version 9.0 oder höher.

Größe: 46 oder 42 Millimeter?

Anders als seiner Zeit die Gear S3 gibt es die Galaxy Watch aber in verschiedenen Größen zu kaufen. Ihr habt die Wahl zwischen einem 46 Millimeter großen Uhrengehäuse und einer 42-Millimeter-Version, die am Handgelenk etwas dezenter wirkt. Bei der Entscheidung zwischen der 46- und der 42 Millimeter-Variante solltet ihr neben dem optischen Eindruck der Uhr am Handgelenk noch weitere Faktoren berücksichtigen.

Samsung Galaxy Watch in Bildern

So fällt der Akku der 46-Millimeter-Variante fast doppelt so groß aus, was in einer entsprechend längeren Laufzeit resultiert. Allerdings müsst ihr dafür nicht nur eine klobigere Optik in Kauf nehmen, sondern auch ein deutlich höheres Gewicht. Mit 69 Gramm ist die 46-Millimeter-Version satte 20 Gramm schwerer als das kompaktere Modell. Im Test machte sich dies beim Tragen durchaus bemerkbar. Besonders nach einem langen (Arbeits-)tag schmerzte uns das Handgelenk und wir freuten uns auf den Moment, die Galaxy Watch abzulegen.

Nur bei der 42-Millimeter-Variante könnt ihr zudem zwischen einer Variante mit schwarzem Uhrengehäuse und einer Variante mit roséfarbenen Gehäuse wählen. Die 46-Millimeter-Version gibt es nur in Silber zu kaufen. Zu vernachlässigen ist dagegen der Unterschied bei der Displaygröße. Die 46-Millimeter-Version bietet ein 1,3 Zoll großes Display, die 42-Millimeter-Variante nur einen 1,2 Zoll großen Screen. Auf die Darstellung oder Ablesbarkeit von Inhalten hatte dies im Test aber keine nennenswerten Auswirkungen.

Design und Verarbeitung

Äußerlich orientiert sich Samsung stark an der Gear S3 classic und nicht an der Gear Sport oder S3 frontier. Eine gute Entscheidung, denn das zeitlose Design passt zu jedem Anlass, ob beim Sport oder beim Geschäftsessen - die Galaxy Watch kann am Arm verbleiben. Bei einem flüchtigen Blick ist kaum mehr ein Unterschied zwischen smarter und analoger Uhr zu erkennen.

Samsung setzt bei der Fertigung des Korpus auf edle Materialien, so ist das Uhrengehäuse aus Edelstahl und Gorilla Glas gefertigt und somit robust genug, um euch das ein oder andere Anecken an Türklinke, Treppengeländer oder Tischkante zu verzeihen. Auch nach drei Monaten intensiver Nutzung zeigte unser Testgerät keinerlei Gebrauchsspuren.

Weniger hochwertig ist da das Armband. Ausgeliefert wird die Smartwatch nämlich mit einem Silikonarmband, welches den edlen Eindruck schmälert. Wahlweise gibt es aber auch Armbänder aus Metall oder Leder zu kaufen. Ihr könnt zudem je nach Anlass die Armbänder wechseln. Dabei seid ihr nicht an offizielle Wechselarmbänder von Samsung gebunden, sondern könnt jedes 22-Millimeter-Armband an der Uhr befestigen. Der Wechsel der Armbänder ist ohne Werkzeug möglich. Diese werden über einen einfachen Klickmechanismus mit dem Uhrengehäuse verbunden. Ihr müsst lediglich eine Feder bewegen, dafür reichen spitze Fingernägel.

Display

Der runde Super AMOLED-Bildschirm löst mit 360 x 360 Pixeln auf. Ein Lichtsensor soll die Helligkeit der Anzeige stets an die Umgebung anpassen. Das klappte im Test nahezu perfekt. Der Bildschirm der Galaxy Watch war in jeder Situation, bei jedem Wetter und zu jeder Tages- und Nachtzeit problemlos ablesbar.

Geht ihr mit der Galaxy Watch schwimmen, könnt ihr das Display gegen ungewollte Eingaben durch den Kontakt mit Wasser sperren. Beendet ihr den Schwimm-Modus, werden Mikrofon und Lautsprecher durch ein Tonsignal von Wasserresten bereinigt. Das kennen Apple-Fans bereits vom iPhone 7.

Natürlich hat der südkoreanische Hersteller auch wieder eine Vielzahl unterschiedlicher Uhrenblätter auf dem Gerät vorinstalliert, weitere können über den App Store nachgeladen werden. Die liebevoll gestalteten sogenannten "Watch Faces" sollen den Eindruck erwecken, ihr schaut auf eine echte Uhr.

Dies gelang dem südkoreanischen Hersteller bereits bei früheren Smartwatches sehr gut. Was bei Gear S3 und Co für die perfekte Illusion jedoch noch fehlte, waren Soundeffekte. Diese liefert Samsung bei der Galaxy Watch nun nach. So imitiert die Smartwatch auf Wunsch das Ticken des Sekundenzeigers. Diese Einstellung müsst ihr jedoch zunächst aktivieren, ab Werk ist sie ausgeschaltet. Sie steht zudem nur bei Watchfaces mit Sekundenzeiger zur Verfügung.

Im Test klang das Ticken zwar sehr realistisch, es war aber nur zu vernehmen, wenn das Display eingeschaltet war. Eine perfekte Illusion einer analogen Uhr ist die Galaxy Watch also noch nicht. Vermutlich fürchtet Samsung, dass ein dauerhaftes Ticken den Akku der Uhr zu stark belasten würde.

Bedienung

Hauptbedienelement der Galaxy Watch ist die drehbare Lünette. Dreht ihr diese gegen den Uhrzeigersinn, ruft ihr eingegangene Benachrichtigungen auf. Dreht ihr die Lünette im Uhrzeigersinn, ruft ihr weitere Menüs und Übersichten auf - etwa einen Überblick über eure am Tag zurückgelegten Schritte und verbrauchten Kalorien. Das Display ist berührungsempfindlich. Menüpunkte oder Apps ruft ihr also mit einem Fingerdruck auf.

Zusätzlich bietet die Galaxy Watch zwei Tasten am rechten Rand des Gehäuses. Über die obere geht ihr einen Menüschritt zurück. Die untere Taste fungiert als Home-Button sowie An- und Ausschalter. Das Bedienkonzept überzeugt. Mit der Lünette navigiert ihr zielsicher durch die Menüs.

Leider ist die Menüführung aber nicht immer ganz eingängig und viele Optionen erschließen sich dem Nutzer nicht sofort. So lässt sich etwa das Ticken der Uhr nur in den Einstellungen des Ziffernblattes aktivieren. Unter "Sound" oder "Anzeige" ist hier keine Verknüpfung zu dieser Option zu finden. Um das als Feature beworbene tägliche Briefing zu aktivieren, müssen Nutzer in den Einstellungen gleich mehrere Optionen aktivieren. Das geht einfacher, Samsung!

Funktionen

Dank integrierter Puls- und Höhenmesser sowie eines Bluetooth- und GPS-Modul ist die Galaxy Watch ein wahres Multitalent. Folgendes kann die Galaxy Watch für euch tun:

  • Schritte zählen
  • Sportliche Aktivitäten tracken - etwa Laufen und Schwimmen
  • auf dem Smartphone eingegangene Nachrichten anzeigen.
  • Musikwiedergabe (wahlweise mit MP3 oder Spotify)

Morgens und abends versorgt euch die Uhr zudem auf Wunsch mit den wichtigsten Informationen (Wetter, Termine) zum bevorstehenden Tag versorgen. Der Funktionsumfang der Uhr ist im Wesentlichen mit dem der Vorgänger identisch. Im Vergleich zur Gear Sport und Gear S3 nur Detailverbesserungen vor. So erkennt die Uhr nun bis zu 39 verschiedene Workout-Typen und deren Kombinationen. Dies klappte im Test aber nicht immer zuverlässig. Wollt ihr sicher gehen, dass eure Aktivität aufgezeichnet wird, solltet ihr das Tracking manuell starten. Was dagegen gefällt: In Verbindung mit der App Samsung Health bietet die Galaxy Watch Features, die wir sonst nur von teureren Sportuhren kennen - etwa eine automatische Pausenerkennung.

Bezahlen mit der Galaxy Watch nicht möglich

Was der Galaxy Watch im Vergleich mit der Konkurrenz fehlt, ist die Möglichkeit mit der Smartwatch kontaktlos zu bezahlen. Theoretisch bringt die Samsung-Uhr dank NFC-Chip zwar technisch gesehen dafür alles mit, doch es hapert am Software-Support. So ist Samsungs Bezahldienst Samsung Pay in Deutschland nicht verfügbar.

Andere Anbieter wie etwa Google Pay oder die Sparkassen stellen ihre Apps fürs kontaktlose Bezahlen nicht für das auf der Galaxy Watch installierte Tizen-System bereit. Dies könnte sich in den nächsten Monaten ändern, sollte Samsung Pay offiziell in Deutschland an den Start gehen.

Apps

Den Funktionsumfang der Uhr könnt ihr mit Apps noch erweitern. Diese installiert ihr über den Samsung App Store Galaxy Apps. Die Installation kann wahlweise direkt über die Uhr erfolgen, bequemer durchstöbert sich der Store jedoch am Smartphone über die Gear Manager-App. Die Auswahl namenhafter Apps ist im Vergleich zur Konkurrenz von Apple oder Google jedoch übersichtlich. Sie finden sich nur selten im Katalog, die meisten Anwendungen werden von kleineren Entwicklern bereitgestellt, in der Regel aber nur gegen Entgelt.

Mit Strava und MyFitnessPal stehen aber immerhin zwei beliebte Apps für Sportler zum kostenlosen Download bereit. Musik streamen könnt ihr via Spotfiy und dank der n-tv-Nachrichten-App bleibt ihr auch auf der Galaxy Watch über das Weltgeschehen auf dem aktuellen Stand. Zudem haben wir beim Durchstöbern des Angebotes noch eine Remote-App für den VLC Player, die Navi-App Here We Go sowie Apps der US-Medien Bloomberg und New York Times entdeckt. Runtastic, Google Maps oder der Facebook Messenger bleiben aber vermisst.

Wer von einer älteren Samsung-Smartwatch auf das neue Modell umsteigt, kann seine bisherigen Apps weiternutzen. Alle bislang erhältlichen Tizen-Apps sind laut Samsung mit der Galaxy Watch kompatibel.

Akkulaufzeit

Die Gear S3 überzeugte bei uns im Test bereits mit einer ordentlichen Akkulaufzeit. Diese will Samsung beim Nachfolger noch verbessert haben. Dazu hat der südkoreanische Hersteller einen extrem sparsamen Exynos-Prozessor für die Uhr entworfen. Er soll bei der 46-Millimeter-Variante Laufzeiten von bis zu einer Woche ermöglichen. Unser Test konnte den Wert bestätigten. Tatsächlich wird dieser aber nur erreicht, wenn die Uhr im "Offline-Modus" ohne Anbindung an das Smartphone genutzt wird. Mit aktivierter Bluetooth-Verbindung war dagegen nach drei bis vier Tagen je nach Nutzungsintensität der Akku leer.

Bei der 42-Millimeter-Version sind die Laufzeiten bereits auf dem Papier deutlich kürzer, da Samsung hier nur einen kleineren Akku verbaut. Geladen wird die Galaxy Watch drahtlos über eine magnetische Ladestation, die im Lieferumfang enthalten ist. Ein vollständiger Ladevorgang dauert in etwa zwei Stunden. Eine LED-Leuchte an der Station informiert euch währenddessen über den aktuellen Status. Separat bietet Samsung auch ein "Duo Charger" genanntes Ladegerät an, dieses ermöglicht das zeitgleiche Laden von Smartwatch und Handy. Der Duo Charger kostet im Handel knapp 70 Euro.

LTE-Version mit eSIM

Die Galaxy Watch ist in Deutschland nicht nur in einer Bluetooth-Variante erhältlich, sondern wahlweise auch in einer LTE-Version. Diese kann auch ganz ohne Smartphone in der Tasche Benachrichtigungen oder Anrufe empfangen. Statt einer physischen SIM-Karte setzt Samsung bei der Galaxy Watch LTE auf eine virtuelle SIM-Karte, auch eSIM genannt. Das umständliche Einlegen der SIM-Karte entfällt somit.

Genutzt werden kann die Galaxy Watch LTE bislang aber nur in Verbindung mit einem Vertrag bei Vodafone, der Telekom oder O2 beziehungsweise den Telefonica-Marken Blau.de und Ay Yildiz. Dies sind bislang die einzigen Mobilfunkanbieter in Deutschland, die die neue eSIM unterstützen. Eine eSIM für Prepaid-Nutzer gibt es noch nicht.

Bei Vodafone, O2 und der Deutschen Telekom ist kein zusätzlicher Vertrag für die Galaxy Watch notwendig, stattdessen wird eure SIM-Karte aus eurem Mobilfunkvertrag geklont und als eSIM bereitgestellt. In Fachkreisen spricht man hier auch von Multi-SIM. Ihr seid somit auf der Uhr unter derselben Rufnummer erreichbar, wie auf dem Handy. Blau.de und Ay Yildiz bieten die eSIM dagegen nur als Single-SIM an. Das bedeutet, ihr bräuchtet hier einen zusätzlichen Vertrag für die Watch und hättet zudem eine andere Rufnummer.

Preis und Verfügbarkeit

Die Galaxy Watch ist seit Anfang September 2018 im deutschen Handel erhältlich. Neben diversen Händlern bietet Samsung die Uhr auch im hauseigenen Online-Shop an. Zudem wird die LTE-Version auch bei den Mobilfunkanbietern Deutsche Telekom, Vodafone und O2 erhältlich. Die Preise liegen bei 309 Euro für die Bluetooth- und 379 Euro für die LTE-Variante, wenn ihr euch für das 42-Millimeter-Modell entscheidet. Die 46-Millimeter-Version kostet 329 beziehungsweise 399 Euro.